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Der DAX des Nordens

Beate Uhse - Ehehygiene und 0190-Service

gregor maier - beate uhseWer 1999 beim Börsengang der Beate Uhse AG Aktien erwarb, hatte nicht nur Gesprächsstoff im näheren Bekanntenkreis ob der ungewöhnlichen Geldanlage. Auch der Börsenkurs der Sexaktie fiel erfreulich aus. Inzwischen hat sich die Begeisterung beim Blick auf die Börsencharts allerdings wieder relativiert. Exotisch bleibt die Aktie trotzdem. Den Kleinanleger, der via Internet Einblick in die Quartalsberichte nehmen möchte, erwartet noch immer ein bildschirmfüllendes Dessousmodell als Deckblatt der Firmeninterna.

Testpilotin mit Mut zur "Schrift X"

Begonnen hat Beate Uhse mit einem Versandhandel. Die ehemalige Testpilotin im Rang eines Hauptmanns der Luftwaffe war im Frühjahr 1945 in einem quasi gekaperten Wehrmachtsflugzeug aus dem eingeschlossenen Berlin in das nordfriesische Dörfchen Barderup geflohen. An Bord hatte sie ihren zweijährigen Sohn Klaus. Zunächst betrieb sie einen fliegenden Handel mit Bauchladen und Reisegewerbeschein. Es soll die Nachfrage nach Broschüren zur Empfängnisverhütung gewesen sein, die sie veranlasste, selbst ihre "Schrift X" zu erstellen. In verständlicher Form erläuterte sie dort die Knaus-Ogino-Methode. Sie verlegte und verschickte die Broschüre eigenhändig für zwei Reichsmark das Stück und legte so den Grundstein für einen Versandhandel, der heute die europäische Marktführerschaft beansprucht. 1951 gründete Beate Uhse in Flensburg das "Spezial-Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur und für hygienische Artikel" und verhalf der jungen Republik diskret und anonym zu neuen Perspektiven. Bis heute verschickt das Flensburger Versandhaus fünfmal im Jahr einen Katalog. Der Versandhandel ist Keimzelle der Beate-Uhse-Gruppe und stellt nach dem Einzelhandel die stärkste Umsatzsparte dar.  

Rund 700 Prozesse ohne nennenswerte Folgen

"Sie war mit Sicherheit keine feministische Vorreiterin", beschrieb sie Corinna Rückert, eine ehemalige Mitarbeiterin, in einem taz-Interview. "Ich habe sie als eine unglaublich kreative, scharfsinnige und durchsetzungsfähige Frau kennengelernt." 3000 Ermittlungsverfahren und 700 Prozesse, von denen keiner nennenswerte Folgen hatte, begleiteten die Firmengeschichte in den 50er und 60er Jahre. 1962 eröffnete Beate Uhse in Flensburg 1962 den weltweit ersten Erotikshop - damals noch sachlich und züchtig "Institut für Ehehygiene" genannt. Im Sortiment: Dessous, Magazine, Bücher, Verhütungsmittel, pharmazeutische Präparate und Stimulationsartikel. Vierzig Jahre später sind daraus europaweit 97 Ladengeschäfte geworden, über die Hälfte in Deutschland. Aber auch in den Beneluxstaaten und Frankreich hat die Marke in den letzten Jahren einen festen Platz unter den Erotikanbietern gefunden. Aktuell ist das Unternehmen in zwölf europäischen Ländern vertreten, über den Versandhandel werden 50 Länder versorgt.

Börsengang und Expansion

Der Börsengang des Beate-Uhse-Konzerns war einer der medienwirksamsten der letzten Jahre. Das Geschäft mit Lust und Erotik versprach ein sicheres zu sein. Das Wertpapier aus Flensburg ging 64fach überzeichnet an den Start. Zeitgleich zum Börsengang expandierte der Konzern im europäischen Markt: 1998 übernahm Beate Uhse den Versandhandels-Mitbewerber Becker und ein Jahr später den niederländischen Konkurrenten Pabo B.V. Aus diesem Zuwachs erklärt sich auch die Umsatzentwicklung des Konzerns. Um über 100 Millionen stieg der Umsatz binnen dreier Jahre an und belief sich 2001 auf 222,8 Millionen Euro. Im selben Zeitraum wuchs die Anzahl der Mitarbeiter von 722 auf 1.173.

Vom Handelsunternehmen zur Erotik & Entertainment Company

Die Beate Uhse AG umfasst heute elf verschiedene Einzelfirmen, die mit Telefonservice, Film- und Videoproduktionen, Groß-, Einzel- und Versandhandel den gesamten erotischen Bereich umspannen. Mit der neuen Sparte Entertainment versucht der Konzern eine Umstrukturierung vom reinen Handelsunternehmen zu einer Erotik & Entertainment Company. Ein eigener Fernsehsender geht zwischen 20.00 Uhr und 6.00 Uhr unter dem Dach von Premiere als Beate Uhse TV auf Sendung. Hinter vielen der 0190er-Nummern steckt ebenfalls Beate Uhse. 300 Internetdomains mit 100.000 Zugriffen pro Tag verschaffen dem Konzern zwar eine marktführende Position auf dem deutschen Online-Erotik-Markt. Dennoch ist die Umsatzentwicklung bei der Vermarktung erotischer Inhalte per Internet, Telefon und TV leicht rückläufig. Schuld daran sind die enttäuschenden Erlöse aus dem Online-Geschäft.

Den Playboy knacken

Große Hoffnungen setzt der Konzern auf eine weitere internationale Expansion und eine Überarbeitung des Firmenkonzepts. Beate Uhse soll europaweit als Dachmarke eingeführt und eine Light-Version von Sex-Shops entwickelt werden. Mit Blick auf den US-amerikanischen Markt scheint diese Imagekorrektur geboten, aber auch in europäischen Fußgängerzonen könnten so neue Kunden gewonnen werden. Den Playboy als weltweit umsatzstärksten Konkurrenten hofft Vorstandschef Otto Lindemann innerhalb der nächsten Jahre zu knacken. Schon jetzt zielt das Unternehmen mit einer Beteiligung am australischen E-Commerce-Unternehmen SharonAusten.com verstärkt auf die weibliche Klientel - und auf den außereuropäischen Markt. 

Fotos: Beate Uhse AG / NDR Online